Sehnsucht nach Schokolade war Weiß und Gold
auf den blauen Ozeanen der Welt

von Lutz Bunk, Deutschlandradio Kultur, 12.5.2008

Er gilt als einer der besten Schriftsteller Kanadas, aber er trägt den deutschen Namen Rudy Wiebe. Jahrgang 1934, war Rudy Wiebe 30 Jahre Professor für Literatur und schrieb 12 Bücher; zwei wurden mit dem wichtigsten Literaturpreis Kanadas ausgezeichnet. Zwei Romane von Wiebe erschienen bisher auf Deutsch; "Land jenseits der Stimmen" sorgte 2001 für Furore. Nun ist ein drittes Buch bei uns erschienen, ein Buch mit einem geradezu biblischen Titel: "Von dieser Erde".

Das Cover schmückt ein Kinderfoto, ein kleiner Junge, der auf einem Hund reitet; es zeigt den Autor Rudy Wiebe selbst. "Von dieser Erde" ist, literaturtheoretisch betrachtet, kein Roman sondern eine Autobiographie, – allerdings eine hochliterarische, weswegen dieses Buch auch mit dem kanadischen Literaturpreis für Non-Fiction-Literatur ausgezeichnet wurde. Die Non-Fiction-Literatur ist eine Literaturgattung für sich: sie adaptiert Realität und gibt sie in Romanform wieder; berühmte Beispiele dafür sind der Roman "Kaltblütig" von Truman Capote und letztendlich auch der "magische Realismus" südamerikanischer Schriftsteller wie Gabriel García Márquez.

"Von dieser Erde" erzählt im Kern die Kindheit Rudy Wiebes von dessen Geburt 1934 im Urwald Kanadas bis hin zu dessen 14. Lebensjahr. Die Familie, 1929 aus der Sowjetunion geflohen, siedelt auf einem Stück Land der kanadischen Regierung, baut sich eine Blockhütte und überlebt und gedeiht. In dieser Wildnis nun entdeckt das Kind Rudy Wiebe, der Ich-Erzähler, die Schöpfung: die Natur, die Tiere, den Tod und die Sexualität.

Gleichzeitig entwickelt das Buch eine große Familiensaga, eine Odyssee, die 1616 auf einem Schiff beginnt, das den Hafen des holländischen Harlingen in Richtung Danzig verlässt. Rudy Wiebes Familie gehört zur Religionsgemeinschaft der Mennoniten, die wegen ihres strikten Bekenntnisses zum Pazifismus Jahrhunderte lang verfolgt wurden. Eine andere Grundmaxime der Mennoniten ist die Erwachsenen-Taufe; der Mensch soll sich bewusst für das Christ-Sein entscheiden. Weltweit gibt es 1,3 Millionen Mennoniten, die meisten wohnen in Kanada.

"Von dieser Erde" ist ein federleichtes Buch, ein ganz großer, ein seltener Lesegenuss. Der Leser sinkt tief hinein in die Welt eines Kindes, in eine Welt, die voll ist von Wundern und von Monstern, -da gibt es Monster wie Hitler und Stalin, und es gibt Wunder wie ein Radio, ein Auto oder Schokolade. Die größten Wunder aber sind eine heile Familie und ein Gott, der gütig und liebevoll ist, ohne Zorn und Sünde und Fegefeuer.

"Von dieser Erde" ist ein durch und durch sinnliches Buch mit jener erzählerischen Ruhe des 19. Jahrhunderts, die an Theodor Fontane und Mark Twain erinnert, – Lektüre zum Heulen und zum Träumen schön, voller spannender Episoden, immer begleitet von Humor und Witz, – nicht zuletzt auf Grund eines herrlichen deutschen Sprachkuddelmuddels: in Rudy Wiebes Familie wurde hochdeutsch gebetet, sonst sprach man ein spezielles Plattdeutsch, ein westpreußisches Plattdeutsch, das Plautdietsche. Der Leser erlebt eine Reise in die deutsche Sprache.

"Von dieser Erde" ist ein literarischer Geheimtipp: ein Tom Sawyer findet sich in einer biblischen Schöpfungsgeschichte wieder, in der sogar Wunder geschehen, eins davon das Ende der babylonische Sprachverwirrung; wie sagt der Indianerhäuptling Big Bear in dem Buch: "Ein Wort ist eine Macht."

"Von dieser Erde" ist eine sprachliche Perle, Weltliteratur zum Genießen, Balsam für die Seele.

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