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Lebendige Architektur einer Geschichte
von Wieland Freund, WDR 3 Kultur, 4.7.2008 Rudy Wiebe ist einer der bedeutendsten Schriftsteller Kanadas. Und dass, obwohl er bis zu seinem sechsten Lebensjahr kaum ein Wort Englisch sprach. Gleich zweimal hat er den bedeutendsten Literaturpreis des Landes gewonnen, seine Romane "Wie Pappeln im Wind" und "Land jenseits der Stimmen" sind Klassiker der kanadischen Literatur. Jetzt hat Rudy Wiebe seine Kindheitserinnerungen geschrieben. "Von dieser Erde" heißt das 400 Seiten starke Buch, das im kleinen Bonner Tweeback (Sprich: Tweybak) Verlag erschienen ist und 24,95 Euro kostet. Wieland Freund hat "Von dieser Erde" gelesen und mit Rudy Wiebe gesprochen. Auf Deutsch übrigens. Was seine Gründe hat. "Es war nicht so ein einfaches Leben, es war ein kompliziertes Leben. Aber es war ein anderes Leben. [...] In einem Land, wo früher nur gejagt [...] wurde. [...] In einem wilden Land. Es war ganz mit Wald bewachsen [...]. Da kommen [...] Bauern [...] und die müssen dann das Land röden. Und probieren, Felder zu machen, Häuser zu bauen, Gärten anzulegen. Und das ist mit viel Arbeit verbundern. Wir nennen das auf Plattdeutsch rakern, nicht? Man rakert." (Zitat Rudy Wiebe) Man rakert: man rackert. Es ist das Jahr 1934, und am Ende der Welt oder wenigstens doch in einem ihrer hintersten Winkel wird Rudy Wiebe geboren – in einem mit rohen Brettern zusammengezimmerten Schuppen, der später als Hühnerstall dient. Ringsherum: borealer Urwald, wie es ihn nur im hohen Norden, zwischen dem 50. und 70. Breitengrad gibt. Der klapprige Hühnerstall steht in Kanada, Rudys Eltern und Geschwister sind eben erst eingewandert. Über das deutsche Prenzlau sind sie aus Russland geflohen, vor tobenden Anarchisten und Kommunisten. In Speedwell in der Provinz Saskatchewan wollen sie ihr Dasein als Bauern fristen, fernab der Welt, ganz für sich. Reichlich unwahrscheinlich, dass aus Rudy Wiebe einmal einer der wichtigsten Schriftsteller Kanadas werden sollte. Die Wiebes sind Mennoniten, Nachfahren jener kleinen Gruppe, die sich vor bald einem halben Jahrtausend im Gefolge des friesischen Priesters Simon Menno der Täuferbewegung anschlossen. Sie lehnten die Kindstaufe als nicht biblisch ab, glaubten nicht an die Verwandlung von Brot in den Leib Christi im Messritual und lehnten Gewalt ab, insbesondere die staatlich verordnete Gewalt: den Krieg. So gerieten sie in die Glaubenskriege der Frühen Neuzeit und standen zum Zeitalter des Nationalismus ebenso quer wie zum Zeitalter der Ideologien. Auf ihrer Flucht begleitet die Mennoniten die plattdeutsche Sprache, die sie bis in die russische Schwarzmeerregion und auch nach Kanada retteten. Das Hochdeutsch, das Rudy Wiebe heute spricht, hat er aus der Bibel und im Gottesdienst gelernt. "Mein Vater sein Lieblingslied – und mein' Mutter auch – war 'Hier auf Erden bin ich ein Pilger und mein Pilgern währt nicht lang. Meine Heimat ist dort in der Höh', nicht? Die Heimat ist nicht hier auf der Welt, die ist im Himmel, mit Gott. [...] Nicht, dass das so ein weltabscheuliches Bild war. Aber das Leben ist wirklich nur der Anfang für die Herrlichkeit im Himmel." (Zitat Rudy Wiebe) Rudy Wiebes Kindheitserinnerungen "Von dieser Erde" sind alles andere als eine Schriftstellerautobiografie. Viel eher sind sie, was ihre letzten Worte versprechen: die "lebendige Architektur einer Geschichte" – und so berückend einfach gebaut, wie das Blockhaus der Wiebes in Speedwell. Eigentlich ist Wiebe ein sprachmächtiger Autor, ein Mann des langen Satzes und machtvoller Metaphorik, in "Von dieser Erde" jedoch ist seine Sprache so einfach wie das Leben der Eltern, die rakern. Der Boden ist schlecht, das Ringen mit dem Urwald fast aussichtslos. Einmal fegt ein mehrtägiger Schneesturm über die kleine Siedlung hinweg. Als er endlich abklingt, ist ein alter Mann in seiner Hütte erfroren. Auch den Wiebes bleibt das Leid nicht erspart. Siebzehnjährig stribt Rudys große Schwester Helen. Hilflos und schicksalsergeben sieht die Familie ihrem Elend zu. Wiebe zitiert aus Helens Kalender, den sie wie ein Tagebuch führt: "Heute fühle ich mich besser, so gut, dass ich am 31. Jan(uar) einen Tintenklecks machte. Der wird bleiben, so lange es dieses Buch gibt." Einer der vielen Reize von Wiebes Erinnerungen ist, dass sie auch diesen Klecks bewahren und ein heute fast unvorstellbar entlegenes Leben bis ins vor Hochspannung brummende, wimmelnde 21. Jahrhundert transportieren. Rudy Wiebe ist ein Schriftsteller mit ernster Miene, aber "Von dieser Erde" ist auch ein Buch der Hunde und Pferde, mit denen der Junge, der er war, umhertollte; es ist auch ein Buch glücklichen Geborgenseins, dann etwa, wenn sich der kleine Rudy an den mächtigen Rücken des großen Bruders Dan kuschelt, mit dem er sich ein Bett teilt. Überhaupt ist "Von dieser Erde" ein Buch des Einverstandenseins. Rudy Wiebe hat, als junger Mann, kritisch über das Leben der Mennoniten geschrieben, als alter Mann, als reifer Schriftsteller macht er seinen Frieden. Mit den Mennoniten, die ihn Gottvertrauen lehrten und im Einklang mit der Natur leben ließen, während anderswo der Zweite Weltkrieg tobte. Eines der wenigen Fotos im Band zeigt den alten Rudy Wiebe auf Spurensuche in einem wild wuchernden Wald. Den Flecken, wo die Wiebes einst siedelten, haben sich Bäume und Sträucher längst zurückgeholt, geblieben ist nicht mehr als eine Senke. Zurück zu Rudy Wiebes "Von dieser Erde" |
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