Mutter betete auf Deutsch
Der kanadische Schriftsteller Rudy Wiebe, Sohn mennonitischer Flüchtlinge, erinnert sich an seine Kindheit und schreibt wieder über die Indianer seiner Nachbarschaft

von Wieland Freund, Die Welt, 26.7.2008

Das Wunder ist sein Deutsch. Es ist die Sprache der Gebete seiner Mutter und hat sich etwas Lutherisches bewahrt. "Meine Mutter betet nur auf Hochdeutsch, und sie weint dabei", schreibt Rudy Wiebe in "Von dieser Erde", der eben erschienenen Biografie seiner Kindheit. Wiebe wird im Herbst 74, und vielleicht ist ihm die Erinnerung näher, als sie es jahrzehntelang war; vielleicht versteht er die Alten von damals jetzt besser und weiß so auch mehr von dem Kind, das er war. "Jener riesige Ball aus Licht", schreibt der im Mann verpuppte Junge, "kann seinen Klang aus Mams plautdietschem 'de Mohn' zum Hochdeutschen 'Mond' des Predigers in der Kirche und zum englischen 'moon' verändern, ebenso leicht, das weiß ich schon, wie er auf seinem Weg über den Himmel seine Gestalt von Nacht zu Nacht verändern kann."

Wiebes Deutsch ist um die halbe Welt geflohen und seit Jahrhunderten Mutter-, aber nicht Landessprache, denn Rudy war ein Kind der Mennoniten, jener kleinen Gruppe von Gläubigen, die sich vor bald einem halben Jahrtausend im Gefolge des friesischen Priesters Menno Simons der Täuferbewegung anschlossen. Die Mennoniten lehnten die Kindstaufe als nicht biblisch ab, sie glaubten nicht an die Verwandlung von Brot in den Leib Christi im Messritual und missbilligten alle Gewalt, insbesondere die staatlich verordnete, den Krieg. So gerieten sie in die Glaubenskriege der Frühen Neuzeit und standen zum Zeitalter des Nationalismus ebenso quer wie zum Zeitalter der Ideologien. "Weerelose Christenen" nannten sie sich und auf ihrer generationenlangen Flucht durch die europäische Tiefebene an der Nordsee, nach Preußen, in die Ukraine, nach Russland und schließlich nach Nord- und Südamerika nahmen sie ihre Sprache stets mit – das "Plautdietsche" oder "Mennonite Low German", wie es in Wiebes Landessprache, dem kanadischen Englisch, heißt. Das Lutherdeutsch war dem Hochamt vorbehalten, dem Kirchenlied und dem Gebet. Als Wiebe davon erzählt, mischt sich die altvertraute Melodie in seine Rede, die letzten Worte singt er fast. "Mein Vater sein Lieblingslied – und mein' Mutter auch – war 'Hier auf Erden bin ich ein Pilger – und mein Pilgern währt nicht lang – meine Heimat ist dort in der Höh'".

Abram und Katerina Wiebe waren 1930 aus Russland über das deutsche Prenzlau nach Kanada entkommen. Sie hatten "Weltkrieg und Bürgerkrieg, Revolution, Anarchie, Pest, Hunger, Verfolgung, Staatenlosigkeit und Flucht" überlebt, die Welt "vonne Enjlische" bedeutete Rettung. Die "Stalinsprache" sprach die Mutter nie wieder. Rudy war ihr siebtes und letztes Kind und wurde in einem mit rohen Brettern zusammengezimmerten Schuppen, der später als Hühnerstall diente, geboren. Einen Namen hatte sein Geburtsort nicht, dafür war er "verschwenderisch mit Zahlen versehen": südwestliches Viertel von Sektion 31, Township 52, Range 17, westlich des 3. Meridians ins Saskatchewan, Kanada.

"Tien Dolla fe daut wille Bosch", sagte Abram Wiebe. Zehn Dollar, heißt das, hatte er der Canadian Pacific Railway bezahlt: für 65 Hektar ungerodetes Gelände. Ringsum hatten sich einige Mennoniten-Familien zur Mennoniten-Brüdergemeinde Speedwell zusammengeschlossen. Das sogenannte CPR-Quadrat der Wiebes fand sich am Ende einer Wagenspur mitten im borealen Urwald, wie es ihn nur im hohen Norden, zwischen dem 50. und 70. Breitengrad gibt. "Es war kein einfaches Leben", erzählt Wiebe. "Felder anzulegen, Häuser zu bauen, das ist mit viel Arbeit verbunden. Wir nennen das auf Plattdeutsch rakern, nicht? Man rakert." Rakern sagt er mit einem langen, tiefen a. Rudy Wiebes Kindheitserinnerungen enden mit dem Ende von Speedwell. Ende der Vierzigerjahre gaben die meisten Mennoniten dort auf. 1946/47 ist Rudy das einzige Kind aus dem südwestlichen Teil des Bezirks, das noch zur Schule geht.

Unwahrscheinlich, dass aus ihm ein Schriftsteller wurde (und einer der bedeutendsten Kanadas zudem) – oder gerade wahrscheinlich: Denn was man am besten wie sagen kann, dafür bekam er früh ein Gefühl. Bis heute beherrscht der Schriftsteller Wiebe viele Register. Mächtig sind die Sätze seines großen Romans "Land jenseits der Stimmen", vergleichbar einfach kommt die Prosa in "Von dieser Erde" daher, so, als hätten die Lebensumstände in Speedwell auf sie abgefärbt. 'De Mohn', 'der Mond', 'the moon' meint jeweils den gleichen Trabanten, doch jedes Wort strahlt in einem ganz anderen Licht.

Natürlich beschrieb Wiebes erster (nie übersetzter) Roman "Peace Shall Destroy Many" (von 1962) eine Mennonitengemeinde, und natürlich gab es Ärger, der umso schlimmer war, als Wiebe damals als Redakteur des "Mennonite Brethren Herald" in Winnipeg arbeitete. "Ich wurde nicht direkt gefeuert", erzählt er, "aber man kam auf mich zu und sagte 'Ähem'." Wiebe schied freiwillig aus dem Amt - heute nennt er das "brav". Unversöhnt war er wohl nie. 1970 erschien "Wie Pappeln im Wind", sein dokumentarischer Roman über die Wanderungen der Mennoniten nach Nord- und Südamerika; 1973 dann hatte er mit "The Temptations of Big Bear" sein zweites großes Thema gefunden: die Geschichte der indigenen Völker Kanadas, der First Nations. Zwar wusste schon der kleine Rudy, dass es die in ein zwanzig Meilen entferntes Reservat abgeschobenen Thunderchild Cree und Salteaux gewesen waren, die auf dem Land gelebt hatten, zu Gesicht jedoch bekam der Junge die Indianer fast nie. In "Von dieser Erde" findet sich eine berührende Szene: Eine Cree-Familie rumpelt mit einem Karren voller Kinder an der Heimstätte der Wiebes vorbei. "Ich weiß", schreibt Wiebe, "dass ich nie mit ihnen sprach. Und obwohl ich winkte, winkte nur der Mann zurück, der den Wagen lenkte." In "The Temptations of Big Bear" und noch einmal in "Land jenseits der Stimmen" machte sich Wiebe die Anliegen der First Nations zu Eigen, thematisierte die innere Kolonisierung Kanadas und bahnte einer postkolonialen Literatur den Weg. Er stieß damit nicht nur auf Gegenliebe. 1970, sagt er, habe er zu hören gekriegt: Warum gibst du als Weißer dich damit ab? 1994 habe es dann geheißen: Wie kannst du als Weißer es wagen? Zwischen beiden Reaktionen liegt auch Wiebes Werk.

Rudy Wiebe ist ein Mann mit Spannweite. Oft legt er einem die Hand auf den Rücken. Er ist verbindlich, aufgeschlossen und gut gelaunt – und doch immer von einem großen, vielleicht typisch mennonitischen Ernst. Aus dem borealen Urwald Saskatchewans jedoch hat er noch etwas anderes mitgenommen als diesen Lebensernst: den Glauben, dass ein Baum nicht nur ein Baum und ein Stein nicht nur Stein ist. "Wie die Indianer von Kanada sagen: Der große Geist hat alles bewegt und alles belebt. Nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch die Pflanzen, die Steine, die Erde." Gerade schreibt Wiebe noch einmal über Big Bear, den Cree-Häuptling – diesmal soll es ein Sachbuch werden. Denn Big Bear wurde auch in Saskatchewan geboren, "für einen Raben nur vierzig Kilometer von meinem Geburtsort entfernt", und von derselben beseelten Landschaft geprägt – von den Espen, Schwarzpappeln, Birken und Fichten. Eines der Fotos, die Wiebe seinen Erinnerungen beigefügt hat, zeigt ihn in einer baumumstandenen Senke, Wildnis ringsum. Mehr ist vom Blockhaus seiner Kindheit nicht geblieben.

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